Woher das Estradiol beim Mann kommt
Der grösste Teil des Estradiols entsteht beim Mann aus seinem eigenen Testosteron. Ein Enzym namens Aromatase wandelt einen kleinen Teil davon um, vor allem im Fettgewebe, im Knochen, in den Gefässwänden und im Gehirn. Dort wirkt es direkt vor Ort.4 Der Blutspiegel zeigt deshalb nur einen Ausschnitt dessen, was im Gewebe passiert.
Wofür der Körper es braucht
Wie wichtig Estradiol ist, zeigt sich bei Männern, denen es fehlt. Ein Mann mit einem angeborenen Defekt am Östrogenrezeptor hatte trotz normalem Testosteron mit Ende zwanzig noch offene Wachstumsfugen und eine deutlich verminderte Knochendichte.3
Noch klarer wurde es in einer Studie im New England Journal of Medicine mit 400 gesunden Männern. Die Forscher unterdrückten die körpereigenen Hormone und gaben Testosteron kontrolliert zurück, ein Teil der Männer bekam zusätzlich einen Wirkstoff, der die Umwandlung in Estradiol verhindert. Bei gleicher Testosteronmenge hatten die Männer ohne Estradiol weniger Lust, schwächere Erektionen und mehr Körperfett.1
Testosteron und Estradiol arbeiten zusammen. Fehlt das eine, leidet auch, was das andere leisten soll.
Es kommt auf das Zusammenspiel an
In einer schwedischen Studie mit über 3.000 älteren Männern hatten jene das höchste Sterberisiko, bei denen Testosteron und Estradiol gleichzeitig niedrig waren.5 Eine feste Zielzahl für das Verhältnis gibt es in keiner Leitlinie. Ein Estradiol, das mit einem guten Testosteron einhergeht, ist für sich genommen kein Warnsignal.
Warum der Laborwert oft zu hoch ist
Beim Mann liegt Estradiol in sehr kleinen Mengen im Blut vor, das macht die Messung schwierig. Viele Routinelabore nutzen schnelle Immunoassays. Eine australische Untersuchung prüfte fünf solcher Tests mit Männerblut: Alle lagen zu hoch, um 6 bis 74 Prozent gegenüber der genauen Referenzmethode, der Massenspektrometrie (LC-MS/MS).6
Ein hoher Wert auf dem Zettel kann also an der Messmethode liegen. Bevor jemand reagiert, gehört die Frage dazu, wie gemessen wurde. Referenzbereiche unterscheiden sich je nach Labor und Methode.
Mehr Körperfett, mehr Estradiol?
Ja, tendenziell. Weil Fettgewebe ein wichtiger Bildungsort ist, steigt das Estradiol mit dem Körpergewicht, das hat auch die Framingham-Studie mit genauer Messmethode bestätigt.7 Daraus folgt nicht automatisch ein Problem. Eine Brustvergrösserung unter Testosterontherapie gilt laut Leitlinie als seltene Nebenwirkung.8 Wer Spannungsgefühle oder Veränderungen an der Brust bemerkt, spricht es beim Facharzt an. Der wirksamste eigene Hebel ist der, der auch sonst guttut: Körperfett reduzieren.
Warum Estradiol nicht einfach gesenkt werden sollte
In Foren und Fitnessstudios ist es verbreitet, Estradiol mit sogenannten Aromatasehemmern zu drücken. Diese Mittel senken die Bildung überall im Körper, auch dort, wo Estradiol gebraucht wird. In einer kontrollierten Studie verloren ältere Männer darunter innerhalb eines Jahres Knochendichte an der Wirbelsäule.9 Die Leitlinien zur Testosterontherapie sehen solche Mittel nicht als Teil der Behandlung vor.8 Was im Einzelfall sinnvoll ist, entscheidet ausschliesslich dein Facharzt.
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Mehr zu den Werten rund um Testosteron im Artikel SHBG und freies Testosteron und in den häufigen Fragen.